2. Stadtgeschichte - Pohlsmühle
Vom Wasserrad zur Stadtmühle
Die Mühlengeschichte Hamms und die Bedeutung von Pohls Mühle
Wer heute an der Ecke Nordenwall und Brüderstraße steht, begegnet einem stillen, aber eindrucksvollen Zeugen der Hammer Stadtgeschichte: der Klostermühle Pohl, meist einfach Pohls Mühle genannt. Ihr roter Ziegelbau erzählt von einer Zeit, in der Mühlen weit mehr waren als technische Anlagen – sie waren wirtschaftliches Rückgrat, Machtinstrument und Motor städtischer Entwicklung.
Hamm – eine Stadt des Wassers und der Mühlen
Die Geschichte der Mühlen in Hamm beginnt mit dem Wasser. Die Lippe, ihre Nebenarme und künstlich angelegte Gräben boten seit dem Mittelalter ideale Voraussetzungen für den Einsatz von Wasserkraft. Schon kurz nach der Stadtgründung im Jahr 1226 entstanden in Hamm mehrere Mühlen, insbesondere in der Nähe der Stadttore. Das Nordentor entwickelte sich dabei zu einem zentralen Mühlenstandort.
Diese frühen Mühlen waren keine freien Gewerbebetriebe. Sie gehörten dem Landesherrn, geistlichen Institutionen oder der Stadt selbst. Als sogenannte Zwangsmühlen verpflichteten sie die Bauern des Umlandes, ihr Getreide ausschließlich dort mahlen zu lassen. Mühlen waren damit nicht nur Orte der Produktion, sondern auch Instrumente wirtschaftlicher Kontrolle und städtischer Versorgungssicherheit.
Die mittelalterliche Wassermühle am Nordentor
Über Jahrhunderte arbeitete am Nordentor eine Wassermühle, gespeist von kontrollierten Wasserläufen. Noch heute lassen sich Spuren dieser frühen Anlage im Bereich des Nordrings erkennen: ein ehemaliger Mühlenkolk, Reste eines Wehrs und eine steinerne Brückenkonstruktion. Diese Wassermühle bildete den historischen Ursprung einer langen Mühlentradition an diesem Ort.
Mit dem Wachstum der Stadt und dem technischen Fortschritt geriet das alte System jedoch an seine Grenzen. Wasserkraft allein reichte für die steigenden Produktionsmengen nicht mehr aus.
Industrialisierung und Neubeginn: Pohls Mühle
Im späten 19. Jahrhundert, um 1880, entstand in diesem Wandel die Klostermühle Pohl. Sie markiert den Übergang von der mittelalterlichen Wassermühle zur industriellen Stadtmühle. Nun war man nicht mehr zwingend an einen Fluss gebunden: Dampfmaschinen und später elektrische Antriebe ermöglichten größere, leistungsfähigere Anlagen mitten in der Stadt.
Der Bau aus Feldbrandziegeln war funktional und repräsentativ zugleich. Erweiterungen folgten: 1913 ein Wohn- und Geschäftsgebäude, 1927 ein Lagerhaus in expressionistischer Ziegelarchitektur. Die Mühle entwickelte sich zu einem modernen Futtermittelbetrieb mit Mahlwerken, Sackaufzügen und Fördersystemen, von denen Teile bis in die 1930er Jahre zurückreichen.
Die „Klostermühle“ ohne Kloster
Der Name „Klostermühle“ verweist nicht auf klösterlichen Besitz, sondern auf die unmittelbare Nähe zum Franziskanerkloster Hamm. Die Lage am Rand der historischen Innenstadt war ideal: kurze Wege für Handel, Versorgung und Vertrieb. Pohls Mühle war Teil des alltäglichen Lebens – unspektakulär, aber unverzichtbar.
Niedergang und Bewahrung
Im 20. Jahrhundert veränderte sich die Mühlenwirtschaft grundlegend. Große Agrar- und Industriemühlen verdrängten viele kleinere Stadtmühlen. Auch Pohls Mühle stellte schließlich den Betrieb ein. Dass sie dennoch erhalten blieb, ist bemerkenswert. Ihre architektonische Qualität und ihre stadtgeschichtliche Bedeutung führten 1989 zur Unterschutzstellung als Baudenkmal.
Heute steht Pohls Mühle stellvertretend für eine Epoche, in der Energie aus Wasser, Dampf und später Strom den Rhythmus des städtischen Lebens bestimmte. Ihre heutige Nutzung – unter anderem als Café und Rösterei – zeigt, wie sich historische Industriebauten neu interpretieren lassen, ohne ihre Geschichte zu verdrängen.
Ein stiller Zeitzeuge
Pohls Mühle ist mehr als ein altes Gebäude. Sie ist ein materielles Gedächtnis der Stadt Hamm: für die mittelalterliche Mühlenlandschaft, für die Industrialisierung und für den Wandel von Arbeit und Stadtbild. In einer Zeit, in der viele dieser Zeugnisse verschwunden sind, erinnert sie daran, dass Fortschritt immer auf Geschichte baut – manchmal aus rotem Ziegel, mitten in der Stadt.
Quellen:
- https://www.hammwiki.info/wiki
- https://de.wikipedia.org/wiki/Klostermühle_Pohl
- https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Stadt_Hamm
- Stadt Hamm, Stadtarchiv: Mühlen am Nordring (Stelen zur Stadtgeschichte)
- Stadt Hamm, Fachbereich Kultur / Stadtarchiv
- Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL): Westfälisches Mühlenwesen
